Tropical House: Wer hier vorher gewohnt hat
Kultur
05. Oktober 2026

Tropical House: Wer hier vorher gewohnt hat

Im Sommer 2015 lief dieser Sound überall, und er klang überall gleich. Tropical House nahm sich den Namen von Deep House, einer Musik aus Schwarzen und queeren Clubs in Chicago, hängte sich Steel Drums als Deko an die Wand und tat so, als käme das alles aus dem Nichts. Was dabei verschwindet, ist die Herkunft — und das ist kein Zufall, sondern ein Geschäftsmodell.

Im Sommer 2015 konnte man diesem Sound nicht entkommen. Er lief im Radio, im Supermarkt, in jeder Strandbar und auf jeder Hochzeit, und er klang überall gleich: ein gemütlicher Beat, eine Marimba, dazu ein Saxofon oder eine Trompete und eine Stimme, die niemandem wehtut. Tropical House hieß das, und irgendwie wirkte es eine ganze Zeit lang sehr harmlos auf mich. Musik für Leute, die im Urlaub gern dasselbe essen wie zu Hause.

Heute halte ich es für das Gegenteil von harmlos. Tropical House ist das, was passiert, wenn ein Viertel gentrifiziert wird, nur eben als Musik. Erst kommt jemand von außen und übernimmt den Namen. Dann wird entkernt und neu gestrichen. Und am Ende läuft das Ergebnis genau dort, wo sich die Leute, die den Laden am Laufen halten, die Miete nicht mehr leisten können.

Fremder Name an der Klingel

Tropical House gilt offiziell als Ableger von Deep House, und da fängt das Problem an. Deep House kommt nicht aus Ibiza und nicht aus den 2010ern. House entstand Anfang der Achtziger in Chicago, in einer Clubkultur, die Schwarz und queer war. Im Warehouse, dem Club, der dem Genre vermutlich seinen Namen gab, tanzten vor allem Schwarze schwule Männer. Produzenten wie Larry Heard haben diesen Beat dann mit Jazzakkorden, Soul und Gospel zusammengebracht, und daraus wurde Deep House. Sein Stück „Can You Feel It" von 1986 gilt bis heute als eine der ersten Aufnahmen des Genres. In einer späteren Fassung liegt darüber die Predigt von Chuck Roberts, die House zu einer Art Glaubensbekenntnis erklärt.

Das war Musik mit Adresse. Sie gehörte zu bestimmten Räumen und zu Leuten, die anderswo nicht willkommen waren. Dreißig Jahre später klebte derselbe Name auf allem, was einen weichen Bass hatte. Das Magazin Mixmag sah sich schon 2014 zu einem Text mit dem Titel „Stop calling it deep house" gezwungen und warnte, das falsche Etikett sei eine Plage und mache den Begriff zum Schimpfwort. Genützt hat es erwartungsgemäß nichts. Der Name blieb an der Klingel, nur wohnte jetzt jemand dahinter, der problemlos die Hauptrolle in „Der Mann ohne Gesicht" hätte spielen können.

Kernsanierung

Den Begriff Tropical House hat der australische DJ Thomas Jack in Umlauf gebracht, ursprünglich als Witz. In einem Interview erzählt er, man habe in der Wohnung seines Managers gesessen und einen griffigen Namen für diese sonnige, fröhliche, saxofongetriebene Musik gesucht. Die ganze Stimmung des Genres sei Glück, Sonne und Positivität. Ein Genre, das im Wohnzimmer eines Managers getauft wurde, sagt schon eine ganze Menge.

Partygäste bei Sonnenuntergang an einer Bucht, Gläser in den Händen, im Hintergrund Hügel und YachtenFoto: Osvaldo Coelho Jr. (Pexels)

Genau so klingt es auch. Das Tempo ist gedrosselt, und obendrauf kommen Steel Drums, Marimbas und Bongos, Klangfarben aus der Karibik, die hier nur noch Dekoration sind, so wie die Surfbretter an der Wand einer Poké-Bowl-Kette. Wie das in der Praxis aussieht, zeigt der größte Hit des Genres. „Cheerleader" erschien 2012 als Reggae-Nummer des jamaikanischen Sängers OMI auf einem kleinen Label. Dann hörte der Chef eines New Yorker Dance-Labels den Song im Urlaub und gab ein paar Remixe in Auftrag. Den Zuschlag bekam die Version von Felix Jaehn aus Deutschland: Stimme beschleunigt, Saxofon raus, Trompete rein, House-Beat drunter. Diese Fassung stand in zwanzig Ländern auf Platz eins und war in den USA der Sommerhit 2015.

Man kann das eine Erfolgsgeschichte nennen. Für OMI lief sie allerdings überschaubar weiter, denn ein zweites Album ist laut Stereogum bis heute nicht erschienen. Der jamaikanische Song ging erst um die Welt, als er nicht mehr nach Jamaika klang, und der jamaikanische Sänger durfte danach wieder nach Hause.

Beschwerden aus der Nachbarschaft

Dass hier etwas schiefläuft, ist übrigens nicht erst mir aufgefallen. Anfang 2016 nannten mehrere große Medien Rihannas „Work" allen Ernstes „Tropical House". Das Magazin SPIN hielt dagegen, der Sound heiße Dancehall und Rihanna mache ihn seit 2005. Die Autorin schrieb, die Musikpresse trage dazu bei, die Wurzeln der Tanzmusik in Schwarzen, lateinamerikanischen und queeren Communities weißzuwaschen. Bei Okayplayer hieß es am Tag darauf, die Presse verrenke sich regelrecht, um das Wort Dancehall nicht benutzen zu müssen.

Ein paar Monate später meldete sich jemand, der es wissen muss. Sean Paul sagte, es sei ein wunder Punkt, wenn Künstler wie Drake oder Justin Bieber Dancehall-Musik machen, aber nicht sagen, woher sie kommt, und sie auch nicht unbedingt verstehen. Man nehme und nehme und nenne die Quelle nicht. Fairerweise hat er im selben Atemzug gesagt, dass er mit der Vermischung von Stilen kein Problem hat. Es ging ihm nicht ums Mischen, sondern darum, wessen Name am Ende draufsteht.

Altbau, frisch gestrichen

Jetzt wird es für uns unangenehm, denn dieser Sound ist zu einem guten Teil ein deutsches Exportprodukt. Wir sind eben nicht nur bei Autos gut. Robin Schulz hat 2014 gleich zweimal vorgemacht, wie es geht. Erst kam sein Remix von „Waves", im Original eine ruhige Nummer des Niederländers Mr. Probz, die danach in sechs Ländern auf Platz eins stand. Dann folgte „Prayer in C", ein vier Jahre alter Song des französischen Duos Lilly Wood and the Prick, der im Remix in rund achtzehn Ländern die Spitze erreichte.

Publikum vor einer hell beleuchteten Bühne, Konfetti in der LuftFoto: Maor Attias (Pexels)

Die Methode ist immer dieselbe, und sie erinnert mich an Immobilien: einen bestehenden Song nehmen, alles Kantige rausreißen, einen freundlichen Beat einziehen und das Ganze als Neubau vermarkten. Hier hat niemand einer Randgruppe etwas weggenommen, das muss man dazusagen. Aber das Geschäftsmodell ist dasselbe. Der Wert entsteht nicht durch etwas Neues, sondern durch das Glätten von etwas, das schon da war.

Der Vermieter

Wer das für einen Sonderfall hält, sollte sich Lo-Fi anschauen. Lo-Fi Hip-Hop geht auf Leute wie J Dilla und Nujabes zurück, also auf Beatbastler mit sehr eigener Handschrift. Geblieben ist davon ein Endlosstream zum Lernen und Arbeiten, den der Pitchfork-Kritiker Philip Sherburne als musikalisches Gegenstück zu einem Malbuch aus weißem Rauschen beschrieben hat. Inzwischen drückt auch noch AI-Musik auf die Einnahmen der Produzenten. Wozu einen Menschen bezahlen, wenn ohnehin keiner zuhört.

Das ist kein Zufall, sondern ein Anreizsystem. Die Journalistin Liz Pelly beschreibt in ihrem Buch „Mood Machine", wie Spotify das Hören nach Stimmung zum Standard gemacht hat. Über das Buch habe ich in einer Folge unseres Podcasts Zimmerlautstärke ausführlicher gesprochen. Ihrer Recherche für Harper's zufolge läuft bei Spotify seit 2017 ein internes Programm namens „Perfect Fit Content". Dabei sollen Playlists für Ambient, Jazz und Lo-Fi gezielt mit Stücken von Produktionsfirmen aufgefüllt werden, die für die Plattform billiger sind. Rund zwanzig Songschreiber stecken demnach hinter mehr als 500 angeblichen Künstlerprofilen. Ein ehemaliger Redakteur fasst die Logik so zusammen: Solange der Nutzer es nicht merkt, ist es in Ordnung. Spotify nennt die Vorwürfe kategorisch unwahr.

Die Analysten von MIDiA Research sehen darin einen kurzfristigen Gewinn für die Plattformen und ein langfristiges Problem, weil Streamingdienste so zu Anbietern von Fahrstuhlmusik werden. Wenn Musik nur noch Stimmung liefern soll, ist es egal, wer sie gemacht hat und woher sie kommt. Dann gewinnt, was am wenigsten stört. Tropical House war dafür der Probelauf, lange bevor jemand eine Software dafür brauchte.

Was an dem Bild nicht stimmt

Ich weiß, dass der Vergleich an mehreren Stellen hinkt, und es wäre billig, das zu verschweigen.

Erstens wurde aus Chicago niemand vertrieben. Bei echter Gentrifizierung müssen Menschen ihre Wohnung räumen. Hier ging nur die Kontrolle über den eigenen Namen verloren, und das ist etwas anderes als ein Räumungsbescheid.

Zweitens saßen die ersten, die an den Pionieren verdient haben, nicht in Europa, sondern um die Ecke. Larry Heard und Robert Owens haben 2020 ihr eigenes Chicagoer Label Trax verklagt, weil sie nach eigener Aussage für einige ihrer bekanntesten Stücke nie Tantiemen gesehen hatten, darunter „Can You Feel It". 2022 bekamen sie ihre Rechte zurück. Geld gab es keins, weil beim Label nichts mehr zu holen war. Andere Produzenten erzählen ähnliche Geschichten. Für Ausbeutung brauchte House also keine norwegischen DJs, das ging auch im eigenen Haus.

Drittens war es Europa, das diese Musik überhaupt erst groß gemacht hat. „Jack Your Body" von Steve „Silk" Hurley aus Chicago stand im Januar 1987 zwei Wochen auf Platz eins der britischen Charts, als erster House-Song überhaupt. In den USA reichte es für Platz 25 der Dance-Charts. Man kann den Europäern vieles vorwerfen, aber nicht, dass sie House ignoriert hätten.

Viertens ist der Remix manchmal einfach der bessere Song. Der Stereogum-Kritiker Tom Breihan findet, Felix Jaehn habe „Cheerleader" deutlich besser gemacht, und nennt die Fassung einen idealen Remix. Das darf man so sehen.

Fünftens ist Gleichförmigkeit keine Erfindung der 2010er. Eine Studie in Scientific Reports hat über 464.000 Aufnahmen aus den Jahren 1955 bis 2010 ausgewertet und kommt zu dem Ergebnis, dass Popmusik seit Jahrzehnten bei den Klangfarben einheitlicher und bei den Tonfolgen eingeschränkter wird. Tropical House hat den Einheitsbrei nicht angerührt, sondern nur besonders gründlich püriert.

Und schließlich ist Musik zum Nebenbeihören nichts Schlimmes. Brian Eno schrieb 1978, Ambient müsse so gut zu ignorieren wie interessant sein. Spotify selbst behauptet, der Anteil des Hintergrundhörens sei seit einem Jahrzehnt gleichbleibend niedrig. Und natürlich steckt in meinem Spott über Brunch-Playlists eine ordentliche Portion Arroganz. Wer sich über den Geschmack der anderen lustig macht, tut im Kleinen genau das, was er dem Genre vorwirft.

Trotzdem bleibe ich dabei. Eno hat seinen Namen auf die Platte geschrieben und erklärt, was er vorhat. Tropical House hat sich einen fremden Namen geliehen, eine fremde Klangwelt als Deko an die Wand gehängt und so getan, als käme das alles aus dem Nichts. Der Unterschied liegt nicht darin, dass diese Musik eine Funktion hat. Er liegt darin, dass sie ihre Herkunft verschwinden lässt und nach überall klingt, damit sie nirgends aneckt.

Letzte Runde

An einem Ort wird aus dem Bild Wirklichkeit. Auf Ibiza leben laut Behörden fast 800 Menschen in behelfsmäßigen Siedlungen, in Zelten, Hütten und Autos. Eine Einzimmerwohnung kostet dort im Schnitt rund 1.500 Euro, der spanische Mindestlohn liegt bei 1.381 Euro. Betroffen sind Pflegekräfte, Lehrer und Sanitäter, während die Insel 2024 mehr als drei Millionen Gäste gezählt hat.

Die Musik ist daran nicht schuld, das wäre zu einfach. Aber sie liefert den passenden Soundtrack: entspannt, international und vollkommen unbeteiligt. Irgendwer muss den Gästen ja das gute Gefühl geben, dass hier alles in Ordnung ist. Wenn ich heute irgendwo diese Marimba höre, denke ich nicht mehr an Urlaub. Ich frage mich, wer hier vorher gewohnt hat.

Mehr zum Thema: Wer darüber entscheidet, was als echtes Singen durchgeht, steht in Autotune: Der Effekt, der nicht sterben will. Was passiert, wenn niemand mehr am Regler sitzt, in Algorithmen-Pop. Und wem die Geschichte eines Songs gehört, in Spotify schluckt WhoSampled.

Titelbild: Duygu Gungor (Pexels)

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