Zum ersten Mal bewusst gehört habe ich Autotune bei Cher. „Believe" lief 1998 überall, und diese Stimme, die plötzlich zwischen den Tönen springt, klang nach Zukunft. Ich fand das faszinierend. Dann kam T-Pain, und mit ihm eine lange Phase, in der mich der Effekt nur noch genervt hat. T-Pain hielt ich für untalentiert, und ich war mir ziemlich sicher, dass Autotune vor allem eins tut: Talentlosigkeit verdecken.
Heute bin ich wieder fasziniert, aber aus einem anderen Grund. Ich hätte nie gedacht, dass sich dieser Effekt so lange hält. Und ich hatte keine Ahnung, welche Rolle er in Kulturen spielt, die ich bisher kaum auf dem Schirm hatte. Dieser Text ist deshalb auch eine Korrektur an mir selbst.
Totgesagt
Eigentlich war Autotune schon 2009 erledigt. Death Cab for Cutie trugen bei den Grammys blaue Schleifen gegen „Auto-Tune abuse", und Ben Gibbard schwärmte von dem Ton, der nicht ganz sitzt und einer Aufnahme Seele und echten Charakter gibt. Jay-Z veröffentlichte im selben Jahr „D.O.A. (Death of Auto-Tune)", und das Time Magazine setzte Autotune kurz darauf auf eine Liste der schlechtesten Erfindungen der Menschheit, irgendwo in der Nähe von DDT.
T-Pain, damals das Gesicht des Effekts, sagt heute über Jay-Zs Song, es habe sich angefühlt wie ein Angriff auf ihn, „und es war eher ein Angriff auf Veränderung". Die Veränderung hat gewonnen. Antares hat gerade AutoTune 2026 herausgebracht. Wer damals das Begräbnis organisiert hat, hatte offenbar nicht aus dem Fenster geschaut. Hätte er es getan, hätte er gesehen, dass der Effekt in anderen Teilen der Welt gerade erst richtig anfing.
Eine Geige aus Menschenstimme
Die beste Spur zu dieser anderen Geschichte hat der US-Musiker und Autor Jace Clayton gelegt, bekannt als DJ /rupture. Er hat jahrelang Musik in Nordafrika verfolgt, und ein marokkanischer Produzent namens Wary erzählte ihm, Autotune sei im Jahr 2000 mit einer Single der Algerierin Chaba Djenet in die arabische Welt gekommen. Das war zwei Jahre nach Chers „Believe" und lange bevor T-Pain berühmt wurde. Der Maghreb hat also keinen westlichen Trend nachgemacht. Er war von Anfang an dabei.
Dass der Effekt ausgerechnet dort so einschlug, erklärt Clayton mit dem Melisma, also dem verzierten Gesang, bei dem eine Silbe über viele Töne gezogen wird. Das sei in der Musik des Maghreb mindestens so verbreitet wie anderswo, eher noch mehr. Autotune macht aus diesen Verzierungen etwas Neues: Die Stimme rutscht nicht mehr, sie springt. Raï, die Musik aus Oran, die schon immer Musik der Außenseiter war und vom algerischen Staat zeitweise bekämpft wurde, hat das sofort aufgesogen. Heute klingt moderner Raï selbstverständlich so, etwa auf einem Live-Tape von Cheb Charif aus Tebessa, und im Raï'n'b der Pariser Banlieues sowieso.
Am weitesten getrieben wurde es laut Clayton aber in den Bergen Marokkos, in der Musik der Amazigh, die bei uns meist Berber heißen. Dort sei der Effekt am extremsten, und es sei erstaunlich, wie sehr eine Frauenstimme auf diesen Aufnahmen nach einer Geige klingen kann. Verbreitet hat sich das nicht über Plattenfirmen, sondern über Software, die man online kaufen konnte, oder eben als geknackte Kopie. Den Anstoß gab laut Clayton ein französischer Film um 2000, in dem ein Song mit Autotune in einem Café lief.
Foto: Mounir Barji
Das Ergebnis läuft bis heute auf Hochzeiten: Autotune-Gesang über akustischer Laute und Handtrommeln, also über genau die Instrumente, die man im Westen für „authentisch" hält. Clayton stellt in seinem Buch einen Song aus den Achtzigern, gesungen von Fatima Tihihit, neben eine Version von Saadia Tihihit aus dem Jahr 2012. Wer beide hört, versteht mehr als durch jede Erklärung. Und der marokkanische Sänger Adil El Miloudi hat ihm den Satz gesagt, der diesen Text eigentlich zusammenfasst: „Auto-Tune gives you a better me."
Ein besseres Ich. Nicht ein falsches.
Umwege über Bollywood
Die zweite Station liegt in Kano, im Norden Nigerias. Dort produziert Kannywood, die Filmindustrie der Hausa, Filme am Fließband, und die Songs dazu heißen Nanaye. Sie sind von indischer Filmmusik beeinflusst, werden auf Hausa gesungen und laut einer Reportage von Afropop Worldwide „obligatorisch" mit Autotune „versüßt". Die Reporter sahen zu, wie ein Produzent einen kompletten Song samt Gesangsaufnahme in weniger als einer halben Stunde baute. Und das unter den Augen einer Zensurbehörde und einer Religionspolizei, die in Kano genau hinschaut.
Foto: Ashok Gajjar
Die Produzenten selbst sagen, Autotune habe ihre Musik „versüßt", und es betone das Melisma im Hausa-Gesang. Den schönsten Kommentar zum Talentvorwurf liefert der ghanaische Komiker Clifford Owusu: „You know pretty girls still wear makeup, right?"
Von Kano aus ging der Sound weiter in die Sahelzone, und hier wird es für Indie-Hörer interessant. Mdou Moctar, der Tuareg-Gitarrist aus Niger, den wir heute von Matador kennen, nahm 2008 in Nigeria einen Song namens „Anar" auf, mit kräftig Autotune auf der Stimme. Der Song wanderte per Bluetooth von Handy zu Handy durch die Wüste. Christopher Kirkley vom Label Sahel Sounds, der ihn später aufspürte, stellte klar, woher dieser Sound kam: aus nigerianischer Filmmusik, deren Produzenten mit Tonhöhenkorrektur indische Soundtracks nachahmen wollten. Moctar sei eben nicht „dieser Tuareg-Junge, der T-Pain gehört hat".
Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Moctar selbst mit dem Effekt nicht viel anfangen konnte. Kirkley erzählt, das Autotune sei eher ein Unfall gewesen, weil das nigerianische Studio es eben so machte. Moctar habe nur gesagt: „Ich benutze kein Autotune." Berühmt wurde er im Westen später mit Gitarrenalben ganz ohne. Man kann sich fragen, ob das ein Zufall ist.
Die Hochzeit, die keiner wollte
Das Herzstück dieser Reise liegt in Kairo. Mahraganat entstand Mitte der Nullerjahre in den Armenvierteln der Stadt, als Hochzeits-DJs eine billige Alternative zu Live-Musikern wurden. Gebaut mit billigen Mischpulten und kostenloser Software, die Stimmen „auto-tuned to a sharp metallic edge". Der Produzent Mahmoud Refat sagt über das Genre: „Es ist nicht schön, aber es ist echt."
Refat hat auch erklärt, warum Autotune dort so klingt, wie es klingt. Es sei zu fünfzig Prozent Charakter und zu fünfzig Prozent Korrektur, es gebe der Stimme eine gewisse Helligkeit. Und ausdrücklich nicht, weil sich die Sänger dafür schämen würden, keine ausgebildeten Sänger zu sein.
Genau das sah der ägyptische Staat anders. Im Februar 2020 verbot die Musikergewerkschaft unter ihrem Chef Hany Shaker den Sängern des Genres, in Clubs, Cafés und auf Festivals aufzutreten. Die Texte seien unmoralisch, das Genre repräsentiere Ägypten nicht, und überhaupt: „Wir wollen echte Kunst." Die Gewerkschaft schrieb sogar YouTube und SoundCloud an, um die Songs löschen zu lassen, weil in der ägyptischen Gesellschaft angeblich nahezu Einigkeit herrsche, dass diese Musik den öffentlichen Geschmack bedrohe. Refat hält das für vorgeschoben. Das Verbot sei „rein wirtschaftlich", getrieben von Konkurrenzneid, und die Moral nur eine Taktik.
Erledigt ist das Thema bis heute nicht. Shakers Nachfolger Mostafa Kamel setzte 2022 alle Auftrittsgenehmigungen aus und ließ eine Kommission prüfen, ob das Genre dem öffentlichen Geschmack schadet. Im Sommer 2026 warnte die Gewerkschaft, kein Sänger solle mehr ohne Live-Band auf die Bühne gehen, was sich direkt gegen das Singen zu Playback richtet. Und Ende September 2026 bestätigte ein Berufungsgericht sechs Monate Haft für den jungen Sänger Islam Kabonga. Nicht wegen Autotune, sondern wegen eines Songtexts, der gegen die „Familienwerte" verstoßen haben soll, ein Begriff, den das Gesetz nicht einmal definiert. Aber es zeigt, wie ernst der Staat diesen Geschmackskrieg nimmt.
Am Eingang
Wer jetzt denkt, das sei ein ägyptisches Problem, sollte nach Rabat schauen. Marokkos Kulturministerium schloss 2023 Trap-Rapper, die Autotune benutzen, von der staatlichen Musikförderung aus. Nach Protesten wollte das Ministerium die Regel überdenken. Der Rapper Wolf Attitude brachte es auf den Punkt: Niemand habe das Recht, Künstlern vorzuschreiben, womit sie ihre Kunst machen.
In Indien sagt die klassische Sängerin Shubha Mudgal über Stimmen, die vor allem von der Software leben, man könne in solchen Fällen nur Fan der Software werden, nicht des Sängers. In Nigeria spottet der Afrobeats-Star Ruger über Kollegen, die das Autotune auf der Bühne nicht einmal zum Reden ausschalten, und betont, er selbst brauche das nicht.
Am klarsten hat das Muster eine türkische Autorin beschrieben. Pınar Üzeltüzenci schreibt, Autotune sei gerade in Ländern wie der Türkei zum Klassenmerkmal geworden. Es gelte als hörbarer Ausdruck der Arbeiterklasse, ihres Hangs zum Übertreiben und zum Protzen. Der Hass darauf ähnele dem Ekel, mit dem man früher auf Arabesk herabgesehen habe. Und Eliten würden die Unterschicht nur dann ernst nehmen, wenn sie besondere Talente vorweisen kann.
Da ist es, das Argument, das ich selbst jahrelang vertreten habe. „Das ist kein echtes Singen" klingt in Kairo, Rabat, Mumbai, Lagos, Istanbul und eben auch in Berlin oder bei den Grammys gleich. Es ist kein westliches Urteil. Es ist das Argument der Türsteher, überall auf der Welt. Es verteidigt den eigenen Geschmack gegen die Armenviertel, die Hochzeits-DJs und die Leute ohne Musikschule. Thomas Bangalter von Daft Punk hat das schon 2001 gesehen, als er die Kritik an Autotune mit dem Versuch französischer Musiker verglich, den Synthesizer zu verbieten.
Provinziell ist der westliche Kritiker deshalb nicht, weil er Autotune nicht mag. Das darf er. Provinziell ist er, weil er sein Urteil für universell hält und nicht merkt, dass er dabei klingt wie Hany Shaker.
Gegenrede
Ganz so einfach ist es natürlich nicht, und das muss ich fairerweise dazusagen.
Erstens kann Technik lokale Klangtraditionen auch abschleifen. Eine Studie der NYU hat die Stimme des ghanaischen Highlife-Sängers Daddy Lumba über fast drei Jahrzehnte vermessen. Seine Intonation nähert sich immer mehr der westlichen Stimmung an, mit weniger Zwischentönen als früher. Die Forscher vermuten, dass Studiotechnik mit westlicher Stimmung dahintersteckt. Autotune nennen sie nicht ausdrücklich, aber es gehört zu genau dieser Technik. Ein Werkzeug, das im Atlas Verzierungen verstärkt, kann anderswo also auch Unterschiede glattbügeln.
Zweitens war der Westen nie so einig, wie es im Rückblick wirkt. Die Berliner Zeitung feierte „Believe" erst kürzlich als „ästhetischen Angriff auf die heilige Natürlichkeit der Popstimme", und das war als Lob gemeint.
Drittens liebt das Publikum die nackte Stimme trotzdem. Als T-Pain 2014 beim NPR Tiny Desk ohne Autotune sang, wurde das zum beliebtesten Tiny-Desk-Konzert der Reihe, mit mehr als zehn Millionen Aufrufen. Das Konzert hat nebenbei auch mich widerlegt: Der Mann, den ich für untalentiert hielt, kann ohne Effekt richtig gut singen.
Und schließlich: Ich kenne die Szenen in Kano, Kairo oder im Atlas nur aus zweiter Hand, vor allem durch Leute wie Jace Clayton. Auch dieser Text ist ein Blick von außen.
Wer zuletzt singt
Bleibt die Frage, warum der Effekt nicht sterben will. Ein Teil der Antwort ist banal: Die unhörbare Korrektur ist längst Standard. Programme wie Melodyne aus München arbeiten so, dass niemand etwas merkt, und laut einem Branchenmagazin läuft auch Autotune bei den meisten Hits der Welt still im Hintergrund mit. Das hörbare Autotune ist im Grunde das einzige, das offen zugibt, was es tut.
Der andere Teil ist spannender. Inzwischen erzeugt AI ganze Stimmen, die nie ein Mensch gesungen hat. Daneben wirkt Autotune plötzlich fast wie Handwerk: Da steht immer noch jemand am Mikrofon, auf einer Hochzeit im Atlas, in einem Studio in Kano oder auf einer Straße in Kairo, und macht seine eigene Stimme lauter, heller und seltsamer. Ein besseres Ich eben.
Ich habe lange gedacht, Autotune sei der Effekt für Leute, die nicht singen können. Heute glaube ich, es ist der Effekt für Leute, die niemand gefragt hat, ob sie singen dürfen.
Mehr zum Thema: Was passiert, wenn niemand mehr am Regler sitzt, steht in Algorithmen-Pop: Wie KI die Musikproduktion übernimmt. Und wie ein Genre seine Herkunft verliert, in Tropical House: Wer hier vorher gewohnt hat.
Titelbild: Egor Komarov

