Loop Tour: Niemand hat entschieden
Musikindustrie
18. September 2026

Loop Tour: Niemand hat entschieden

Macklemore sagt auf der Bühne "Free Palestine" und fliegt zehn Tage später von Ed Sheerans Tour. Ein Stadioneigentümer droht, ein Veranstalter reagiert, der Headliner sagt, er habe keine Wahl gehabt. Vier weitere Acts gehen daraufhin freiwillig. Niemand in der Kette will entschieden haben. Was der Fall über Macht, Geld und Meinungsfreiheit im Livegeschäft zeigt.

Stand: 18. September 2026. Der Fall bewegt sich täglich, und einiges daran ist ungeklärt. Was öffentlich belegt ist, reicht trotzdem aus, um ein strukturelles Problem zu beschreiben, und genau darum geht es hier.

Zehn Tage

Am 4. und 5. September spielte Macklemore als Vorband im MetLife Stadium in East Rutherford, New Jersey. Zwischen zwei Songs sprach er über den Krieg in Gaza, sagte "Free Palestine" und kündigte "Hind's Hall" an, seinen Protestsong von 2024. Er wandte sich dabei ausdrücklich an jüdische Konzertbesucherinnen und Konzertbesucher im Publikum und sagte, seine Kritik an Israel sei keine Kritik an ihnen.

Am 14. September teilte Messina Touring Group, Veranstalter der US-Etappe, mit, dass Macklemore die verbleibenden Support-Termine nicht spielen wird. Begründung: Mehrere Stadien hätten angekündigt, eine Show mit ihm im Line-up nicht zuzulassen, was die Absage der Tour bedeutet hätte. Genannt werden unter anderem Lincoln Financial Field in Philadelphia, Gillette Stadium in Foxborough und das Mercedes-Benz Stadium in Atlanta. Bestätigt haben das die Stadien selbst nicht.

Am selben Tag erklärte Robert Kraft öffentlich, er habe die Entfernung betrieben. Kraft besitzt die New England Patriots und über seine Kraft Group das Gillette Stadium. Er habe gedroht, Sheerans dortige Show zu blockieren, und andere Stadionbetreiber aufgefordert, dasselbe zu tun. Macklemores Äußerungen seien für die jüdische Gemeinschaft zutiefst verletzend gewesen, dazu komme eine längere Vorgeschichte antisemitischer Rhetorik und Bildsprache. Auf die Nachfrage von CNN, ob er damit einen Vorfall von 2014 meine, als Macklemore sich für ein Bühnenkostüm mit Hakennase, Perücke und falschem Bart entschuldigte, das weithin als antisemitische Karikatur verstanden wurde, äußerte Kraft sich nicht.

Am 15. September schrieb Sheeran, die Entscheidung sei die des Veranstalters gewesen und nicht seine. Er könne weder die Fans enttäuschen, die Pläne gemacht hätten, noch die Crew und die übrigen Musikerinnen und Musiker im Stich lassen, die von der Tour leben. Er sei nicht mitschuldig, er habe eine Meinung zu diesem Konflikt, halte seine professionelle Plattform aber grundsätzlich aus der Politik heraus, weil in seinem Publikum auch Kinder säßen.

Wenige Stunden später war die Tour eine andere. Finneas, für die Südamerika-Etappe gebucht, stieg aus: "Artists must not be silenced when they speak up for the oppressed." Der irische Songwriter Aaron Rowe und die dänische Band Lukas Graham, beide als Ersatz für Macklemore auf den restlichen US-Terminen vorgesehen, gingen ebenfalls. Lukas Graham formulierte es ökonomisch: "Nobody's bank balance should decide who gets to speak." Und Beoga, die irische Folkband, die nicht Vorband war, sondern Sheerans Begleitband, an mehreren Songs als Co-Autoren beteiligt und mitten in jeder Show auf der Bühne, verließ die Tour ebenfalls.

Vier Stationen, ein Ergebnis. Und keine einzige Station beansprucht die Entscheidung für sich.

Der Schlüssel zur Halle

Hier lohnt es sich, kurz stehen zu bleiben, weil an dieser Stelle etwas sichtbar wird, das sonst nie sichtbar ist.

Ein Stadioneigentümer ist kein Vertragspartner des Support-Acts. Er bucht ihn nicht, er bezahlt ihn nicht, er hat mit dessen Engagement formal nichts zu tun. Zwischen Kraft und Macklemore bestand keinerlei Rechtsverhältnis. Trotzdem hat Krafts Drohung gereicht, um ein Line-up zu ändern, an dem mehrere Firmen, Agenturen und Verträge hängen.

Der Hebel ist simpel und hat nichts mit Meinungen zu tun. Eine abgesagte Stadionshow ist für alle in der Kette so teuer, dass keine Position sie rechtfertigt. Vorproduktion, Crew, Logistik, Rückabwicklung von Zehntausenden Tickets, Ausfallhaftung. Wer die Halle kontrolliert, kontrolliert deshalb faktisch auch, wer darin spricht, ohne dafür je eine inhaltliche Entscheidung treffen zu müssen.

Das ist keine Zensur im juristischen Sinn, und genau darin liegt das Problem. Es braucht kein Verbot, wenn die Infrastruktur wenigen Einzelnen gehört. Es reicht ein Telefonat.

Wer das für einen Einzelfall hält, sollte sich ansehen, was parallel vor Gericht läuft. AEG fordert dort, Live Nation müsse Ticketmaster verkaufen, weil die Konzentration im Livegeschäft den Wettbewerb zerstöre. Das ist dieselbe Frage von der ökonomischen Seite. Hier sieht man sie von der inhaltlichen.

Was ein Abend wert ist

Zur Größenordnung. Die Loop Tour läuft seit dem 16. Januar und ist auf 59 Shows angelegt. Nach den gemeldeten Zahlen hat sie in 17 Shows rund 98,6 Millionen Dollar eingespielt, bei gut 754.000 Besuchern. Das sind im Schnitt knapp sechs Millionen Dollar pro Abend.

Was ein Support-Slot auf einer solchen Tour konkret zahlt, ist nicht öffentlich, und ich habe keine belastbaren Zahlen dazu. Bekannt ist die Struktur: Vorbands verdienen auf Stadiontouren im Verhältnis wenig, der eigentliche Wert liegt in der Reichweite. Wer vor 45.000 Leuten spielt, die nicht seinetwegen gekommen sind, kauft sich ein Publikum.

Interessanter als die Gagen ist deshalb die Frage, wer hier eigentlich Risiko trägt.

Sheerans Termine finden statt. Krafts Stadion ist am 25. September ausverkauft, unabhängig davon, wer im Vorprogramm steht. Der Veranstalter hat die Absage vermieden, was aus seiner Sicht exakt der Zweck der Übung war. Getroffen hat es Macklemore, der acht von zehn verbleibenden US-Terminen verliert, und danach vier Acts, die aus eigenem Entschluss gegangen sind. Finneas hat damit eine komplette Tourphase abgesagt. Beoga hat am meisten aufgegeben: nicht nur einen Slot, sondern eine feste Rolle in der Show und die Bühnenpräsenz für Songs, an denen die Band mitgeschrieben hat.

Vier Bands haben bezahlte Arbeit abgesagt. Keiner der drei Beteiligten, die die Entscheidung tatsächlich herbeigeführt haben, hat dabei etwas verloren.

Wer das Risiko trägt

An dieser Stelle sind wir nicht neutral, und es wäre unehrlich, so zu tun, als ob.

Ein Musiker, der auf einer Bühne steht, muss sagen dürfen, was er denkt, ohne dafür seinen Platz im Line-up zu verlieren. Das ist keine Aussage über den Nahostkonflikt und keine über Macklemores Position. Es ist eine Aussage darüber, was eine Bühne ist. Popmusik hat sich seit sechzig Jahren das Recht genommen, von dort aus unbequem zu sein, und dieses Recht ist nicht davon abhängig, ob die Zuhörenden die Aussage teilen. Wenn es nur für Positionen gilt, mit denen die Eigentümer der Spielstätten einverstanden sind, ist es kein Recht, sondern eine Erlaubnis.

Und es ist wichtig, wer den Preis dafür zahlt. In diesem Fall waren es die vier kleinsten Beteiligten. Das ist keine gesunde Anordnung.

Trotzdem gehört die Gegenseite hierher, und sie ist nicht absurd. Sheerans Argument lautet, dass an einer Stadiontour mehrere hundert Menschen hängen, die keine Rücklagen haben, Fahrerinnen, Techniker, Caterer, Local Crews, und dass eine Absage sie unmittelbar trifft. Das stimmt. Wer fordert, dass er die Tour hätte stoppen sollen, fordert, dass er diese Leute in die Verantwortung für eine Auseinandersetzung nimmt, die sie nicht führen. Es gibt in dieser Lage keine folgenlose Entscheidung, und wer das Gegenteil behauptet, macht es sich zu leicht.

Der Punkt ist ein anderer: Diese Abwägung musste überhaupt nur getroffen werden, weil ein Einzelner den Schlüssel zur Halle hat.

Die Sache mit der Plattform

Eine Beobachtung zu Sheerans Begründung, die man nicht unterschlagen sollte.

Er sagt, er nutze seine professionelle Plattform grundsätzlich nicht für Politik. Das trifft in dieser Allgemeinheit nicht zu. Er trat 2022 beim Concert for Ukraine auf und nahm eine Benefiz-Single mit einer ukrainischen Band auf, er hat sich in Großbritannien öffentlich gegen Rassismus positioniert und seine eigene Regierung für Kürzungen im Kulturetat kritisiert.

Dazu kommt eine Behauptung, die bislang unbestätigt ist: Kraft schrieb am 16. September auf X, Sheeran habe ihn gebeten, zwei Millionen Dollar an Hilfsgeldern für Gaza zuzusagen. Sollte das zutreffen, hätte Sheeran in derselben Woche hinter den Kulissen politisch gehandelt, in der er öffentlich erklärte, das grundsätzlich nicht zu tun.

Das macht ihn nicht zum Hauptverantwortlichen dieser Geschichte. Es zeigt nur, dass "ich mache keine Politik" in einem Geschäft dieser Größe keine Haltung ist, sondern eine Positionierung.

Was morgen offen ist

Am Samstag, dem 19. September, spielt Sheeran im Lincoln Financial Field in Philadelphia, Beginn 17:30 Uhr Ortszeit. Es ist die erste Show seit dem Ausstieg. Wer das Vorprogramm bestreitet, ist nicht bekannt. Proteste sind angekündigt, und Sheerans Team stimmt sich nach Medienberichten mit der Polizei über ein verstärktes Aufgebot ab. Am 25. September folgen zwei Abende im Gillette Stadium, also ausgerechnet in Krafts Haus.

Wie das ausgeht, weiß im Moment niemand. Was wir aber schon jetzt wissen, reicht: Eine der größten Tourneen der Welt hat ihr Line-up geändert, weil ein Mann, der weder Musiker noch Veranstalter ist, angerufen hat. Und der Einzige, der das offen zugegeben hat, ist er selbst.

Bildnachweis: Wembley Stadium vor Ed Sheerans Show 2022: Jamie Leo Murray via Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

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