Von der Deutungshoheit zum lautlosen Ende: Der Lebenszyklus des Spex-Magazins
Kultur
28. Februar 2026

Von der Deutungshoheit zum lautlosen Ende: Der Lebenszyklus des Spex-Magazins

Es begann 1980 nicht mit einem Businessplan sondern mit einem Akt der kulturellen Notwehr. In Köln nahmen ein paar junge Männer den Lappen selbst in die Hand um jenen bleiernen Grauschleier wegzuwischen den die Elterngeneration über die deutsche Tristesse gehängt hatte. Die Spex war von ihrer Geburtsstunde an weniger ein Magazin als vielmehr ein intellektuelles Hochsicherheitslabor. Als Ian Curtis uns vom ersten Cover fast schon vorwurfsvoll anstarrte war klar dass hier eine neue Zeitrechnung beginnt. Hier wurde mit Becks Bier statt Joints eine Geisteshaltung gezüchtet die sich radikal vom nebligen Erbe der 68er absetzte. Sie katapultierte den Popjournalismus aus dem klebrigen Rocklexikon Sumpf der Siebziger direkt in die kühlen Sphären der Semiotik und der Marxschen Analyse.

Mehr zur Gründungsgeschichte: Mythos und Sprachrohr der Popkultur – Deutschlandfunk Kultur beleuchtet die Anfänge in Köln den Geist des Punk und die Ära Diederichsen. Eine tiefgreifende Analyse der theoretischen Dimension bietet das Goethe-Institut mit einem Blick auf 35 Jahre Spex und die Verbindung von Marxismus Dekonstruktion und ökonomischen Wendejahren.

Die Spex-Redaktion Die SPEX-Redaktion von 1984. Foto: Wolfgang Burat

In jener analogen Vorzeit waren die Macher der Spex die unangefochtenen Gatekeeper in einer Welt die noch keine Suchmaschinen kannte. Es war ein fast schon priesterlicher Hochmut mit dem Redakteure wie Lothar Gorris entschieden was ästhetisch relevant war und was im Orkus der Belanglosigkeit verschwinden durfte. Im Gespräch mit mir erinnerte sich Gorris an diese mythische Ära des privilegierten Zugangs als er im Wohnzimmer der Beastie Boys saß und Rick Rubin traf während dieser bei Def Jam gerade die erste Spur für eine globale Revolution legte. Das war kein bloßer Journalismus sondern die kuratierte Grundsteinlegung einer neuen Weltordnung. Wer damals die Spex las erkaufte sich den Eintritt in einen exklusiven Club des Wissens dessen Sprache oft so absichtsvoll vertrackt war dass man sich stolz darin sonnte die Texte oft gar nicht verstanden zu haben.

Dennoch ist es keine Katastrophe dass dieses Kapitel nun geschlossen ist. Niemand ist ohne dieses Heft verloren aber wir sollten uns klarmachen was mit ihr verschwunden ist. Der Erfolg der Spex trug den Keim ihres eigenen Endes in sich. Indem sie den Popdiskurs akademisierte und Themen wie Gender Politics oder postkoloniale Kritik in den deutschen Kanon drückte infizierte sie schleichend das bürgerliche Feuilleton. Die großen Zeitungen eigneten sich die Kernkompetenzen des Magazins an bis die einstige radikale Nische von der satten Mitte geschluckt wurde. Als Diedrich Diederichsen 1992 mit seinem Essay über den Verlust der popkulturellen Unschuld den Alarm auslöste war das bereits der Anfang vom Ende einer exklusiven Deutungshoheit.

Der Tagesspiegel beschreibt diesen Prozess als schleichende Assimilation durch das Feuilleton. Die Berliner Zeitung zieht Parallelen zur Band Fehlfarben und spricht vom "Alphabetisierungsauftrag" des Magazins. Als das Ende der Printausgabe 2018 besiegelt wurde berichtete der Spiegel über den Verlust der Gatekeeper-Funktion in einer digitalisierten Medienlandschaft.

Die finale Demütigung war lediglich die Art des Abgangs. Just als das Magazin im digitalen Exil wieder festen Boden unter den Füßen zu gewinnen schien zog die Coronakrise den Stecker. Nicht die Redaktion sondern die unterkühlte Sprache der Marktwirtschaft verkündete per Popup das Aus bevor man die Existenz des gesamten Verlages gefährdet hätte. Es blieb die Wolke der Unklarheit über der Köpenicker Straße zurück.

Die taz berichtete von "leiser Trauer" über das plötzliche Ende trotz hoffnungsvoller Online-Zahlen und vom "zweiten Tod" unter dem Piranha-Verlag. nd-aktuell beschreibt eindrücklich die Wolke der Unklarheit die über dem endgültigen Aus der Online-Ausgabe und der Agonie der letzten Jahre hing.

Mein Bedauern gilt dabei nicht dem Papier sondern dem Verlust der Reibung. In einer Welt in der Algorithmen uns nur noch das spiegeln was wir ohnehin schon mögen fehlt uns die scharfkantige Instanz die uns herausfordert. Die Spex ist verstummt und mit ihr die Ära in der Pop als Philosophie begriffen wurde statt ihn nur als Hintergrundrauschen zu konsumieren.