Bevor er zum zynischen Mitbegründer der modernen Comedy und zum mehrfachen Golden-Globe-Host wurde, hatte Ricky Gervais einen ganz anderen Plan: Er wollte ein Popstar sein. Und zwar nicht irgendeiner. Sein Ziel war es, die androgyne Eleganz von David Bowie mit der unterkühlten Synth-Pop-Ästhetik von Tears for Fears zu verschmelzen.
Es ist eine Reise von einem Traum unter zwei Kilo Schminke bis zur kompletten Redefreiheit auf einer Bühne vor der globalen Entertainment-Elite.
„Ich bin hier, um in einer Rockband zu sein"
Die Geschichte beginnt 1982 am University College London (UCL). Ricky, ein junger Mann aus einfachen Verhältnissen, hatte sich für Biologie eingeschrieben. Doch der Ruf der Bühne war lauter als das Sezieren von Fröschen. Nach nur zwei Wochen warf er das Studium hin: „Das ist nicht, warum ich hier an der Uni bin. Ich bin hier, um in einer Rockband zu sein."
Zusammen mit seinem Kommilitonen Bill Macrae, einem begabten Keyboarder, gründete er Seona Dancing. Bill war der Architekt des Sounds, Ricky das Gesicht. Und was für ein Gesicht: Auf den Fotoshoots von 1983 sieht man einen jungen, gertenschlanken Gervais, der mehr Make-up und Haarspray verbrauchte als die gesamte Besetzung von Duran Duran.
Der Flop und das philippinische Wunder
Mit einem 16-Track-Demotape im Gepäck spazierten sie zu London Records und bekamen tatsächlich einen Deal. Um zu verstehen, was dieser Plattendeal für Bill und Ricky bedeutete, muss man sich die Strahlkraft von London Records vor Augen führen. Das Label war kein kleiner Indie-Betrieb, sondern ein Gigant mit Geschichte. Ursprünglich 1947 als US-Arm des britischen Decca-Konzerns gegründet, war London Records das Tor zwischen den Welten: Sie brachten die Rolling Stones nach Amerika und Motown-Legenden nach Großbritannien.
In den 80ern war das Label die Heimat für den Sound der Ära – von Bronski Beat und den Fine Young Cannibals bis hin zu Bananarama. Wenn man bei London Records unterschrieb, war man im Vorzimmer der Superstars. Bill und Ricky landeten also nicht irgendwo; sie waren plötzlich Teil einer Maschinerie, die darauf spezialisiert war, Ikonen zu erschaffen. Der Traum wurde zum greifen nah.
Doch die Veröffentlichungen von „Bitter Heart" (#79) und „More To Lose" (#117) wurden zum Desaster. In Großbritannien wollte niemand die New-Wave-Romantik der beiden UCL-Abbrecher hören. 1984 trennten sich ihre Wege – frustriert und im festen Glauben, gescheitert zu sein.
Was sie nicht wussten: 10.000 Kilometer entfernt wurde „More To Lose" zu einer Hymne des Widerstands. Auf den Philippinen herrschte Revolutionsstimmung gegen den Diktator Marcos. Ein lokaler DJ liebte den Song so sehr, dass er ihn unter dem Fake-Namen „Fade" von „Medium" spielte, um die Konkurrenz auszutricksen. Der Track wurde ein phänomenaler Nummer-1-Hit und ist dort bis heute unvergessen – während Ricky in London versuchte, seine Miete zu bezahlen.
Rickys Auf und Ab: Von Suede zu Radio Xfm
Die Jahre nach Seona Dancing waren für Ricky Gervais alles andere als glanzvoll. Er blieb in der Musikindustrie, aber hinter den Kulissen. Er wurde Manager für die damals noch unbekannte Band Suede rund um seinen Studienkollegen Brett Anderson. Doch auch hier war der Erfolg mäßig: Bassist Matt Osman erinnerte sich später trocken: „He was a fucking shit manager!". Ricky stimmte dem auch später noch unumwunden zu.
Aber er gab nicht auf. Er wechselte zum Radio, wurde Head of Speech beim neugegründeten Xfm und stellte dort einen schüchternen jungen Mann namens Stephen Merchant als Assistenten ein, weil seine die oberste Bewerbung auf dem Stapel war. Doch auch hier gab es Rückschläge: Der Sender wurde verkauft, Ricky flog raus, seine erste eigene TV-Show auf Channel 4 floppte gnadenlos. Er war Ende 30 und schien am Ende seiner Karriere angekommen zu sein. Erst als er und Merchant anfingen, eine kleine Mockumentary erst über einen Videoverleih und anschließend über ein tristes Büro in Slough zu schreiben, wendete sich das Blatt. The Office wurde zum globalen Phänomen und der Rest ist Fernsehgeschichte.
Und was wurde aus Bill?
Während Ricky im Rampenlicht badet, ist Bill Macrae zu einem Phantom geworden. Er verschwand komplett von der Bildfläche. Als ihn die Band Super 8 Cynics, die einen Seona Hit coverte, für ein Dankeschön kontaktieren wollte, fand ihn nicht einmal das Major-Label Universal in seinen Akten. Erst ein privat engagierter Detektiv fand seine Adresse heraus. Bill Macrae hat sich für die Stille entschieden – keine Interviews, keine Social Media, kein Comeback.
Bitter Heart
Wenn man heute „Bitter Heart" hört, merkt man: Der Song ist eigentlich verdammt gut. Ein perfektes Destillat der 80er Jahre. Es ist die Geschichte eines Mannes, der alles wollte, immer wieder scheiterte und schließlich über den Umweg der Selbstironie zum Weltstar wurde – und eines Mannes, der am Ende einfach nur seine Ruhe wollte.
Wir gehen in unserem Podcast sehr ausführlich auf die hürdenreiche Karriere von Ricky Gervais ein und hören am Ende gemeinsam den Song „Bitter Heart". Die ganze Story gibt es in Staffel 3 | Folge 16 der Zimmerlautstärke.

