Murphy Campbell: Die Folk-Musikerin, die von ihrer eigenen Kopie verklagt wurde.
Kultur
28. Mai 2026

Murphy Campbell: Die Folk-Musikerin, die von ihrer eigenen Kopie verklagt wurde.

Wir leben in seltsamen Zeiten. Das ist keine besonders originelle Beobachtung, aber manchmal muss man sie trotzdem aussprechen, weil die Dinge, die gerade passieren, so absurd sind, dass man sie ohne Kontext nicht glauben würde.

AI ist überall. In der Arbeit, im Alltag, in der Kultur. Und nicht nur als Werkzeug, das einzelnen Leuten das Leben erleichtert, sondern als gesellschaftliche Kraft, die Strukturen verändert, bevor irgendjemand entschieden hat, ob er das eigentlich will. Forscher veröffentlichten 2025 im Fachjournal Science eine vielbeachtete Argumentation, nach der Large Language Models nicht als "intelligente Agenten" zu verstehen sind, sondern als kulturelle und soziale Technologien, vergleichbar mit der Druckerpresse oder dem Bürokratiesystem. Etwas, das die Gesellschaft nicht benutzt, sondern durch das die Gesellschaft geformt wird.

Gleichzeitig dokumentiert der aktuelle UNESCO-Report "Re|Shaping Policies for Creativity", der Daten aus über 120 Ländern auswertet, was das für Kreative konkret bedeutet: Bis 2028 könnten Musikerinnen und Musiker weltweit bis zu 24 Prozent ihrer Einnahmen verlieren, Filmschaffende bis zu 21 Prozent. Der Markt für AI-generierte audiovisuelle Inhalte, 2023 noch sechs Milliarden Euro wert, soll bis 2028 auf 48 Milliarden wachsen. Und laut dem Streaming-Dienst Deezer werden täglich mehr als 50.000 Bot-generierte Tracks auf Streaming-Plattformen hochgeladen. Die meisten Hörerinnen und Hörer können nicht mehr unterscheiden, ob ein Song von einem Menschen oder einer Maschine kommt.

Aber all das, die Einkommensverluste, der Chart-Spam, die Debatte über Urheberrecht und Trainingsdaten, ist erst der sichtbare Teil. Es gibt eine Schicht darunter: was passiert, wenn AI nicht nur im Wettbewerb mit Künstlerinnen und Künstlern steht, sondern gegen sie eingesetzt wird.

Das alte Angst-Gefühl

Als ich in den 2000ern eigene Hiphop-Beats produziert und veröffentlicht habe, kannte ich eine bestimmte Art von Paranoia. Man feilt wochenlang an einem Sound, an einem Sample, an einer Energie, die sich nach einem selbst anfühlt. Und dann, wenn das Ding draußen ist, kommt der Gedanke: Hoffentlich hat niemand den gleichen Sample genutzt. Hoffentlich bekomme ich keine Klage wegen des genutzten Samples.

Das, was damals noch ein persönlicher Konkurrenzkampf war, der in dieser Kultur verankert ist, wird nun zu einem ungleichen Kampf gegen ein geschütztes Wirtschaftssystem.

Werkzeug und Waffe

Die Diskussionen, die AI gerade aufwühlt, sind nicht alle neu. Urheberrecht, Sample-Kultur, wem ein Sound gehört, wer an Kreativarbeit verdient, das sind Fragen, die die Musikindustrie schon lange begleiten. Dass sie jetzt wieder auf dem Tisch liegen, ist in gewisser Weise produktiv. Aber die Herausforderung für Künstlerinnen und Künstler könnte durch AI eine neue Dimension bekommen, wie der Fall Murphy Campbell zeigt.

Eine Frau sitzt mit Banjo im Wald

Murphy Campbell kommt aus den Bergen von Western North Carolina. Sie spielt Banjo und Dulcimer, singt alte Appalachian Ballads, manche davon von ihren eigenen Vorfahren überliefert, und filmt sich dabei im Wald, zwischen Bäumen, ohne Bühne. Ihre Videos wirken handgemacht, weil sie es sind. Rund 7.800 monatliche Hörer auf Spotify, kein Label, kein Management, kein Anwalt auf Abruf. Genau die Art von Künstlerin, für die das Urheberrechtssystem eigentlich erfunden wurde.

Im Januar 2026 öffnete sie ihr Spotify-Profil und fand Songs, die sie nie hochgeladen hatte. Zwei Tracks, ihre Titel, ihr Name. Aber nicht ihre Aufnahmen. Sie drückte Play und hörte eine synthetische Version ihrer eigenen Stimme, tiefer, glattgezogen, der Klang ihrer Dulcimer zu etwas Synthetischem verarbeitet, das nichts mehr mit dem Holzinstrument in ihren Videos zu tun hatte. Was sie als "bro-country singer" beschrieb, klang nach ihr, genug um zu verwirren, aber nicht nach ihr, genug um falsch zu fühlen.

Was dahintersteckte: Jemand hatte ihre YouTube-Videos in ein AI-Voice-Cloning-Tool gefüttert, das Ergebnis produziert und unter ihrem Namen auf sämtliche großen Plattformen hochgeladen. Die ausführende Entität nannte sich "Timeless Sounds IR" und bediente sich dafür des legitimen Distributors Vydia, der zur Firma Gamma gehört, gegründet von Larry Jackson, dem ehemaligen Creative Director von Apple Music.

Campbell begann, die Tracks melden zu lassen. Auf YouTube Music und Apple Music verschwanden sie irgendwann. Auf Spotify blieb mindestens einer, unter einem leicht veränderten Künstlernamen. "Naturally I was excited about that", sagte sie trocken. Es gab jetzt mehrere Murphy Campbells.

Die zweite Welle

Während sie noch dabei war, die Fakes zu bekämpfen, traf sie die nächste Attacke. Am 25. März 2026, dem Tag, an dem Rolling Stone einen Artikel über ihren Fall veröffentlichte, lud ein Nutzer unter dem Namen "Murphy Rider" private Videos bei YouTube hoch, ebenfalls über Vydia. Die Videos wurden nie öffentlich gemacht. Sie dienten nur einem Zweck: als Grundlage für Copyright-Claims gegen Campbells eigene, echte Videos, über YouTubes automatisiertes Content-ID-System.

Sie bekam eine Benachrichtigung: "You are now sharing revenues with the copyright holders of the music detected in your video, Darling Corey." Die Songs, um die es ging, sind seit über hundert Jahren gemeinfrei. "In the Pines" existiert seit mindestens den 1870ern, wurde von Lead Belly gespielt, von Nirvana gecovert. Niemand besitzt diese Kompositionen. Aber Campbells spezifische Aufnahmen sind als Tonaufnahmen urheberrechtlich geschützt. Und genau da liegt der Hebel: wer eine Aufnahme zuerst im System registriert, dem gehört sie im Zweifel, bis das Gegenteil bewiesen ist. Das System fragte nicht nach. Es automatisierte einfach.

Campbell performed im Wald

Das Schlupfloch

Vydia-Gründer Roy LaManna erklärte den Mechanismus später öffentlich: Campbells Aufnahmen waren nicht in sogenannten ACR-Datenbanken registriert, den Audio-Content-Recognition-Systemen, die Distributoren nutzen, um Songs zu identifizieren und zu schützen. Wer nicht drin ist, ist nicht geschützt. Wer nicht geschützt ist, kann von jedem anderen als Erster eingetragen werden.

Vydia verarbeitete in diesem System nach eigenen Angaben über sechs Millionen Claims. 0,02 Prozent davon seien ungültig gewesen, das sei "by industry standards amazing". Für Murphy Campbell war es ihre Lebensgrundlage. Nachdem ihre Geschichte auf Instagram viral ging, zog Vydia alle Claims zurück. Der verantwortliche Nutzer wurde gesperrt. Eine Verbindung zu "Timeless Sounds IR" bestreitet das Unternehmen bis heute, und es gibt keine Belege für das Gegenteil. Campbell sagte dazu nur: "I think it goes way deeper than we think it does."

Kein Einzelfall

Ihr Fall ist nicht der erste und nicht der letzte. Rolling Stone dokumentierte ähnliche Angriffe auf Veronica Swift, Grace Mitchell und den Bassisten Paul Bender. Jemand lud AI-generierte Tracks auf das Spotify-Profil von Blaze Foley hoch, einem Country-Folk-Songwriter, der 1989 ermordet wurde. Blaze Foley ist seit 37 Jahren tot.

Während Campbell um ihre eigenen Songs kämpfte, dominierte ein komplett erfundener Künstler namens Eddie Dalton zeitgleich die Apple iTunes Charts mit elf Platzierungen unter den Top 100, ein AI-Profil ohne menschliches Gesicht dahinter. Sony Music ließ in den letzten Monaten mehr als 135.000 Deepfake-Tracks von Streaming-Plattformen entfernen. Spotify löschte seit September 2025 über 75 Millionen Tracks wegen AI-Spam. Im März 2026 bekannte sich Michael Smith aus North Carolina schuldig, mit AI-generierter Musik und Bot-Streams rund acht Millionen Dollar ergaunert zu haben. Es war die erste Strafverfolgung für AI-assistierten Streaming-Fraud in den Vereinigten Staaten überhaupt.

Was das für alle bedeuten könnte

Es gibt eine Logik, die sich hinter all dem abzeichnet, und sie geht über Campbell hinaus. Betrachten wir ein anderes Szenario, das sich gerade in Tech-Kreisen normalisiert: Studenten und junge Entwickler lassen AI eine bestehende App analysieren, speisen das Nutzerfeedback der Originalapp ein und lassen daraus eine "verbesserte" Version generieren, eine, die näher an den Erwartungen der Zielgruppe sitzt. Für viele Produkttypen mag das legitim sein, es beschleunigt Iteration, es demokratisiert Entwicklung.

Aber was passiert, wenn dieselbe Logik auf Kunst angewendet wird? Was, wenn jemand die Aufnahmen einer Künstlerin nimmt, die Kommentare unter ihren Songs auswertet, "die Fans wollen mehr Wärme im Klang, weniger raue Kanten" und daraus eine Version generiert, die statistisch besser ankommt als das Original? Eine Kopie, die am Markt besser performt als das, was sie kopiert hat? Das klingt nach Science-Fiction, ist aber technisch heute schon machbar. Es ist nur eine Frage, ob jemand es tut.

Was Kunst zu dem macht, was sie ist, lässt sich nicht vollständig in Kundenfeedback übersetzen. Die rauen Kanten in Campbells Dulcimerspiel sind nicht Fehler, sie sind Aussage. Das Idiosynkratische, das Eigensinnige, das Unfertige, das ist oft genau der Teil, der wirkt. Wer das wegoptimiert, um dem Markt zu gefallen, produziert vielleicht etwas Gefälligeres. Aber nicht etwas Besseres.

Ob der Markt das auf Dauer unterscheiden wird, ist die eigentliche offene Frage. Und ob er es will.

Was bleibt

Murphy Campbell sitzt weiterhin im Wald, spielt Banjo, lädt Videos hoch. Ob alle Fake-Tracks wirklich verschwunden sind, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Spotify testet ein Opt-in-Feature, das Künstlerinnen ermöglichen soll, neue Releases vor der Veröffentlichung zu prüfen. Campbell ist skeptisch: "I feel like, each time a massive entity makes such commitments to musicians, it tends not to live up to expectations."

Was dieser Fall in der Öffentlichkeit ausgelöst hat, ist trotzdem nicht nichts. Die Geschwindigkeit, mit der Vydia zurückruderte, war direkt proportional zum viralen Druck. Das System reagierte nicht auf Campbells individuelle Meldungen. Es reagierte auf Aufmerksamkeit. Das ist kein Beweis dafür, dass Öffentlichkeit schützt. Aber es ist ein Indiz dafür, dass Unsichtbarkeit das größte Risiko bleibt.

Ob ihr Fall als Präzedenz gilt, ob er die Debatte um Plattformhaftung, ACR-Registrierungspflichten oder den Missbrauch von Content-ID-Systemen tatsächlich verschiebt, ist offen. Die Entität "Timeless Sounds IR" wurde nie identifiziert. Und irgendwo da draußen ist gerade jemand, der das nächste Profil anlegt.