Es gibt Dienste, die man irgendwann aufgehört hat zu benutzen, ohne es wirklich zu merken. Last.fm ist für viele so einer. Und trotzdem ist er noch da.
Seit dem 27. Mai 2026 ist Last.fm wieder das, was es einmal war: ein unabhängiges Unternehmen. Kein Konzern im Rücken, kein Medienriese, der entscheidet, ob sich das noch lohnt. Für eine Plattform, die seit über zwei Jahrzehnten das Hörverhalten von Millionen Menschen dokumentiert, pendelt das irgendwo zwischen Absurdität und einem kleinen Wunder.
Zwei Studenten, zwei Ideen, ein Zufallstreffen
Die Geschichte von Last.fm beginnt 2002 — und sie beginnt doppelt. In London gründen vier Studenten aus Deutschland und Österreich, frisch von der Ravensbourne College of Design, eine Internet-Radiostation. Idee: Musik nicht nur streamen, sondern verstehen. Wer hört was? Was hängt womit zusammen? Die Station heißt Last.fm.
Zur gleichen Zeit, an der Universität Southampton, sitzt Richard Jones an seinem Informatik-Abschlussprojekt. Er entwickelt ein System namens Audioscrobbler — eine Technik, die aufzeichnet, was ein Nutzer hört, und daraus Muster ableitet. Jones erfindet dabei auch das Wort "scrobbling": das Tracken einzelner Songplays, automatisch, im Hintergrund. Er erfindet es einfach. Es klingt nach nichts, und trotzdem ist es bis heute der einzige Begriff, den die Plattform je gebraucht hat.
Die beiden Teams ziehen in dasselbe Büro in Whitechapel, London, und fusionieren. Last.fm bekommt das Scrobbling, Audioscrobbler bekommt die Community. Was entsteht, ist für damalige Verhältnisse bemerkenswert: eine Datenbank des persönlichen Geschmacks, die nicht fragt, was jemand gut findet, sondern es einfach beobachtet.
280 Millionen Dollar und 19 Jahre Stillstand
Am 30. Mai 2007 kauft CBS Last.fm für 280 Millionen US-Dollar. Die drei Gründer bekommen je 38 Millionen Dollar aus dem Deal. CBS sieht eine Chance, jüngere Zielgruppen zu erreichen und das eigene Radiogeschäft ins Internet zu verlängern. Was folgt, ist die klassische Geschichte einer Übernahme, bei der der Käufer nie wirklich verstanden hat, was er da eigentlich kauft. CBS baut nichts Wesentliches aus. 2014 wird der Radioservice eingestellt. Was bleibt, ist das Scrobbling. Funktionierend, weitgehend unverändert, irgendwo in den Tiefen eines Konzerns, der sich über die Jahre in CBS Interactive, dann Paramount Streaming, dann Paramount Skydance umbenennt.
2012 passiert dann etwas, das zeigt, wie wenig Aufmerksamkeit Last.fm in dieser Zeit bekam. Hacker stehlen die Daten von 43 Millionen Nutzern. Passwörter werden mit einem veralteten MD5-Algorithmus ohne Salting gespeichert. 96 Prozent der Passwörter werden innerhalb von zwei Stunden geknackt. Das volle Ausmaß des Angriffs wird erst 2016 bekannt — vier Jahre später, fast beiläufig. Eine Plattform, um die sich niemand wirklich kümmert, schützt auch ihre Nutzer nicht wirklich.
Die Zahlen für 2024 erzählen den Rest: 2,2 Millionen Pfund Umsatz, 690.000 Pfund Betriebsverlust. 45,5 Millionen Pfund Nettoverbindlichkeiten. Für Paramount Skydance, einen Konzern im Umbruch, der gerade Netflix jagt, ist das eine einfache Rechnung. Last.fm wird abgegeben.
Was Scrobbling eigentlich bedeutet
Wer Last.fm nie benutzt hat, dem sei das kurz erklärt — weil es wichtiger ist, als es klingt. Scrobbling bedeutet: jeder Song, den du hörst, wird aufgezeichnet. Über Spotify, Apple Music, Tidal, lokale Player, Internet-Radio — egal. Last.fm aggregiert alle Plays zu einem Profil, plattformübergreifend. Kein einzelner Dienst sieht das Gesamtbild. Last.fm schon.
Das ist für Nutzer praktisch — Jahresstatistiken, Empfehlungen, eine Art Tagebuch des eigenen Geschmacks. Für Artists ist es etwas anderes: Last.fm ist die einzige plattformunabhängige Quelle, die zeigt, wie Musik tatsächlich gehört wird. Spotify Wrapped zeigt, was auf Spotify läuft. Apple Music Replay zeigt, was auf Apple Music läuft. Last.fm zeigt, was wirklich läuft — über alle Dienste hinweg, ungefiltert, ohne algorithmische Eigeninteressen. In einer Zeit, in der Streaming-Plattformen entscheiden, welche Musik Reichweite bekommt, ist das keine Kleinigkeit und trifft genau den Kern von dem, was sich User wünschen — inklusive mir.
Ein neues Kapitel — ohne Gesicht
Die Ankündigung vom 27. Mai ist kurz: "Today, Last.fm begins a new chapter as an independent company. Ownership has changed, but the product you use every day has not." Das Team bleibt. Die Daten bleiben. Die Scrobbles bleiben. Wer die neuen Eigentümer sind, sagt Last.fm nicht — nur so viel: Es ist kein anderes Unternehmen.
Das ist ungewöhnlich. Und je nachdem, wie man es liest, entweder beruhigend oder beunruhigend. Beruhigend, weil es darauf hindeutet, dass Last.fm nicht von einem weiteren Medienkonzern übernommen wurde, der in einigen Jahren wieder verkauft. Beunruhigend, weil ein Unternehmen mit 45 Millionen Pfund Nettoverbindlichkeiten erklären müsste, wer das trägt — und warum. Weder die Eigentümerstruktur noch die Finanzierung des laufenden Betriebs sind öffentlich bekannt. Die Community spekuliert: Privatinvestoren mit echtem Interesse an der Plattform, ein Management-Buyout, frühere Mitarbeiter. Niemand weiß es. Last.fm sagt, es werde in den kommenden Wochen mehr mitteilen.
Was das für alle anderen bedeutet
Last.fm ist kein Einzelfall — es ist ein Signal. Und das Signal lautet: eine Community, die organisch gewachsen ist, lässt sich nicht einfach in eine Konzernstruktur überführen und dort verwalten. CBS hat das 19 Jahre lang versucht. Das Ergebnis ist eine Plattform, die trotz Vernachlässigung überlebt hat — nicht wegen CBS, sondern wegen der Menschen, die weiter gescrobbelt haben.
Das sollte andere Services aufhorchen lassen. Spotify Wrapped ist brilliant als Marketingformat, aber es ist ein Produkt von Spotify — designt, um Nutzer an Spotify zu binden, nicht um ihnen ein unabhängiges Bild ihres Hörverhaltens zu geben. Apple Music Replay funktioniert genauso. Diese Dienste haben kein Interesse daran, dass ihre Nutzer wissen, wie viel sie auch woanders hören. Last.fm hat dieses Interesse nicht — und das ist strukturell, nicht nur ein Versprechen.
Last.fm hat angekündigt, sich als unabhängiges Unternehmen nun voll auf Listening Insights und Community-Features für Musikfans konzentrieren zu wollen. Was das konkret bedeutet, ist offen. Aber die Richtung ist klar: weg von der Konzernlogik, hin zu einer Plattform, die ihren Nutzern gehört — zumindest im Geiste. Ob das mit 45 Millionen Pfund Nettoverbindlichkeiten im Rücken funktioniert, wird sich zeigen.
Was bleibt, ist die Erkenntnis, die CBS nie wirklich gezogen hat: Man kann eine Community kaufen. Behalten kann man sie nur, wenn man versteht, warum sie existiert.

