Jazz ist kein Museumsstück, das man ehrfürchtig hinter Samtseilen betrachtet. Lange Zeit haftete dem Genre dieses Image des Elitären an – Musik für Menschen, die in dunklen Rollkragenpullovern über komplizierte Taktarten dozieren, während der Rest der Welt längst abgeschaltet hat. Aber wer heute in die Clubs eintaucht, erlebt einen radikalen Bruch mit dieser Staubschicht. Es ist ein Publikum, das man eher auf einem Indie-Festival oder nach einer durchfeierten Nacht im Technoclub vermuten würde. Es wird zwar vielleicht nicht ekstatisch von der Bühne gesprungen, aber die Energie im Raum ist genau die gleiche: elektrisierend, fordernd und absolut frei von akademischer Zurückhaltung.
Sun-Mi Hong: Naturgewalt am Schlagzeug
Diese neue Generation von Musikern hat das Genre aus der Nische der „Alte-Leute-Musik" befreit, indem sie einfach aufhören, um Erlaubnis zu fragen. Ein perfektes Beispiel für diesen kompromisslosen Weg ist die in Amsterdam lebende Schlagzeugerin Sun-Mi Hong. Wer sie live erlebt, sieht keine Jazz-Begleitung im klassischen Sinne, sondern eine Naturgewalt. Ihr Spiel ist lyrisch und fein, kann aber in Momenten eine rohe, fast schon triebhafte Intensität erreichen, die jeden im Raum packt. Sie bricht mit dem Klischee des Jazz-Schlagzeugers, der nur dezent im Hintergrund wirbelt; bei ihr ist jeder Schlag ein Statement, jede Komposition ein kühnes Abenteuer, das sich weigert, gefällig zu sein.
Brekky Boy: Post-Rock trifft Jazz-Piano
Ähnlich unkonventionell nähert sich das australische Trio Brekky Boy dem Jazz. Sie klingen eher wie das Kind einer Affäre zwischen einem Jazz-Piano und einer Post-Rock-Band. Mit ihren cineastischen Aufbauten und schweren, polyrhythmischen Mustern ziehen sie genau die Hörer an, die mit traditionellem Swing wenig anfangen können, aber die rohe Kraft von live gespielten Instrumenten suchen. Es ist Jazz, der eher nach Studio-Ghibli-Soundtracks und moderner Attitüde schmeckt als nach verrauchten Bars der 50er Jahre.
The Bottomline: Kölner Experimentalismus
Auch in Deutschland brodelt diese neue Unbekümmertheit, etwa bei dem Kölner Duo The Bottomline. Franzis Lating und Johannes Elia Nuß schauen durch eine experimentelle Brille auf das Genre und mischen Jazz mit Cinematic Trip-Hop und Ambient-Klängen. Ihr Sound ist eine Antwort auf die Krisen unserer Zeit – melancholisch, suchend, aber immer mit einer wilden Kraft, die sich in gewaltigen Klangwällen entladen kann. Sie beweisen, dass Jazz im Jahr 2026 keine riesigen Besetzungen braucht, um eine intergalaktische Reise im Kopf des Publikums auszulösen.
The Bad Plus: Eine Ära geht zu Ende
Doch während diese jungen Projekte den Jazz zurück auf die Tanzflächen der Köpfe bringen, nähert sich eine Ära ihrem Ende. The Bad Plus, die Band, die über 26 Jahre lang bewiesen hat, dass man Radiohead oder Nirvana covern kann, ohne jemals in die Kitsch-Falle zu tappen, hat für 2026 ihre Auflösung angekündigt. Nach fast drei Jahrzehnten, in denen sie die Brücke zwischen Rock-Attitüde und Jazz-Improvisation geschlagen haben, treten Reid Anderson und Dave King den Rückzug an – nicht ohne eine gewaltige Abschiedstournee, die sie noch einmal durch Europa führt. Ihr Ende schmerzt, aber es passt zu einem Genre, das sich gerade durch seine ständige Erneuerung definiert. Jazz hat seine Relevanz nicht durch Anpassung zurückgewonnen, sondern indem er wieder gelernt hat, unberechenbar zu sein.
Tour-Stopps & Festivals Frühjahr 2026
Sun-Mi Hong Quintet:
- 14. März 2026: Bimhuis, Amsterdam (NL) – Heimspiel und quasi das Epizentrum ihrer Szene.
- 28. März 2026: Unterfahrt, München (DE) – Einer der intimsten Clubs für ihren intensiven Sound.
- 12. April 2026: Jazzahead! Festival, Bremen (DE) – Das große Branchentreffen, wo sie dieses Jahr als einer der Main-Acts gehandelt wird.
Brekky Boy:
- 05. Mai 2026: Gretchen, Berlin (DE) – Der perfekte Ort für ihren Mix aus Jazz und elektronischen Einflüssen.
- 07. Mai 2026: Mojo Club, Hamburg (DE) – Jazz auf dem Kiez, genau die richtige Atmosphäre für die Australier.
- 10. Mai 2026: Birdland, Rotterdam (NL) – Pflichttermin für die Jazz-Crowd in den Niederlanden.
The Bottomline:
- 20. April 2026: Stadtgarten, Köln (DE) – Release-Konzert für ihr neues Material.
- 22. April 2026: King Georg, Köln (DE) – Noch ein Heimspiel, diesmal in der legendären Bar-Atmosphäre.
The Bad Plus (Farewell Tour 2026):
- 15. Juni 2026: Elbphilharmonie (Kleiner Saal), Hamburg (DE) – Ein würdiger Rahmen für den Abschied einer Legende.
- 18. Juni 2026: Porgy & Bess, Wien (AT) – Einer ihrer Lieblingsorte in Europa.
- 22. Juni 2026: Paradiso (Noord), Amsterdam (NL) – Das große Finale der Europa-Etappe.
