Warum die Orgel der Union Chapel den Klimawandel nicht überlebt hätte
Kultur
09. Juni 2026

Warum die Orgel der Union Chapel den Klimawandel nicht überlebt hätte

I. Das Versteck unter dem Rosenfenster

Es gibt Orte, an denen man nicht erwartet, auf etwas Weltbewegendes zu stoßen. Die Union Chapel in Islington ist so ein Ort, zumindest von außen. Ein viktorianischer Backsteinbau, eingeklemmt zwischen Wohnhäusern unweit der Upper Street, mit dem zurückhaltenden Charme einer Kirche, die weiß, dass sie keine Kathedrale ist. Wer zum ersten Mal reinkommt, schaut unweigerlich nach oben. Die Gewölbe, das Licht, das Rosenfenster hoch oben an der Stirnwand, acht Engel, jeder mit einem anderen Instrument. Und dann sucht man die Orgel.

Man findet sie nicht. Zumindest nicht sofort.

Das war so gewollt. Als James Cubitt die Kapelle 1877 entwarf und Henry Allon, der damalige Pfarrer, seine Vorstellungen einbrachte, waren sich beide in einem Punkt einig: Die Gemeinde sollte die Musik hören, nicht sehen. Kein Instrument, kein Organist, keine Ablenkung vom Klang selbst. Die Orgel verschwand hinter aufwendigen Ziergittern, direkt unter jenem Rosenfenster, dessen Engel dezent auf ihre Existenz hinweisen, als wäre das Fenster eine Signatur, die nur lesen kann, wer schon weiß, wonach er sucht.

Diese Entscheidung sagt mehr über die viktorianische Beziehung zur Kirchenmusik aus als viele Musikwissenschaftsaufsätze. Die Orgel war nicht Bühne, sie war Raum. Kein Auftritt, sondern eine Bedingung. Und das Instrument, das diesen Zustand herzustellen hatte, war so bedeutend, dass man es verbarg, nicht aus Scham, sondern aus Überzeugung.

Was sich hinter diesen Gittern verbirgt, ist bis heute eines der außergewöhnlichsten Instrumente der Welt.

Die Union Chapel von innen


II. Henry Willis und das Instrument, das für einen Raum gebaut wurde

Henry Willis war Orgelbauer und Systemdenker zugleich, und in einer Epoche, die Ingenieurskunst wie eine Kunstreligion behandelte, war er einer ihrer stillen Stars. Er baute über tausend Instrumente in seinem Leben, restaurierte noch mehr. Die Orgeln für die Royal Albert Hall, die Alexandra Palace, St Paul's Cathedral. Willis entwickelte ein Gespür dafür, wie ein Instrument einen Raum füllen muss, nicht überwältigen, nicht untergehen, sondern sich in die Architektur einschreiben. Er erhielt den Ehrennamen "Father Willis", weil er nicht nur eine Methode, sondern eine ganze Schule des Orgelbaus begründete, und weil Söhne und Enkel nach ihm das Werk weiterführten.

Islington, 1877. Die Union Chapel ist fertig, der Innenraum wartet auf seine Stimme. Willis bekommt den Auftrag und tut das, was ihn von anderen unterschied: Er entwirft nicht eine Orgel für einen beliebigen Kirchenraum, er entwirft diese Orgel, für diese Akustik, für diese Proportionen. Drei Manuale, das heißt drei Tastaturen, Swell, Great und Choir, dazu ein vollständiges Fußpedal. 37 klingende und zwei klangverändernde Register, die Zugknöpfe zu beiden Seiten des Spieltischs, mit denen der Organist ganze Pfeifenreihen aktiviert oder deaktiviert, Klangfarben schichtet, das Instrument in Echtzeit neu zusammensetzt. Über zweitausend Pfeifen, die längsten sechzehn Fuß, die kürzesten nicht größer als ein Finger.

Und dann noch etwas, das selbst unter Willis-Orgeln einzigartig blieb: ein hydraulisches Blasesystem, das bis heute funktioniert.

Bei einer normalen Orgel presst ein elektrisches Gebläse Luft in die Windlade, und beim Drücken einer Taste öffnet ein Ventil den Weg in eine bestimmte Pfeife. Die Pfeife schwingt, ein Ton entsteht. Die Wasserhydraulik der Union Chapel macht dasselbe, aber über Wasserdruck statt Elektrizität: Das Wasser treibt Blasebälge an, die Luft in das System pumpen. Das Ergebnis ist ein physikalisch gleichmäßigerer Luftstrom als bei elektrischen Gebläsen, weniger Druckschwankungen, ein stabilerer Ton.

Es ist das einzige noch vollständig funktionsfähige originale hydraulische Blasesystem in England. Weltweit gibt es noch eine Handvoll ähnlicher Systeme, darunter eine Orgel in Kilmun in Schottland und eine in Averham in Nottinghamshire, aber vollständig original erhalten und als vollwertiges Alternativsystem nutzbar ist das System in Islington das einzige seiner Art im Land.

Der Journalist, der das Instrument einmal als "Rolls-Royce unter den Orgeln" bezeichnete, hat keinen Preis für Originalität verdient. Unrecht hatte er trotzdem nicht.

Die Orgel der Union Chapel


III. Holz, Wasser, Luft und eine Bühne, die Obdachlose ernährt

Der Raum, in dem dieses Instrument steht, ist selbst eine Geschichte wert.

Die Union Chapel wurde 1799 von einer Gruppe nonkonformistischer Christen gegründet, und sie trägt seitdem drei Rollen gleichzeitig: Sie ist Kirche, die jeden Sonntag Gottesdienst hält. Sie ist eine der bedeutendsten Konzertbühnen Londons, auf der über die Jahre Nick Cave, Patti Smith, Beck, Björk, PJ Harvey, Adele, U2 und Amy Winehouse gespielt haben. Und sie ist Heimat des Margins Project, einer Obdachloseninitiative, die aus den Einnahmen der Konzerte arbeitet. Wer also ein Ticket für ein Konzert in der Union Chapel kauft, finanziert damit auch die Suppenküche, die direkt nebenan läuft.

Das klingt nach einer idealistischen Konstruktion, die früher oder später an der Realität scheitert. Die Union Chapel existiert seit über zweihundert Jahren, ohne staatliche Förderung für den laufenden Betrieb. Das sagt etwas.

Und mittendrin: die Orgel. Nicht als Dekoration, sondern als strukturelles Herz des ganzen Unternehmens. Sie ist der Grund, warum das Gebäude klingt wie es klingt, warum Konzerte dort anders sind als anderswo, warum Orgelnerds und Experimentalmusiker und zufällige Konzertbesucher alle gleichzeitig im selben Raum sitzen und das richtig finden. Wenn die Orgel spielt, macht der Raum Sinn.

Union Chapel Konzert


IV. Ein Riss, der das Ende hätte sein können

Im Winter 2022 passiert etwas, das niemand kommen sah, obwohl im Nachhinein alles dafür gesprochen hatte.

Während der Pandemie war die Chapel monatelang geschlossen. Keine Konzerte, kein Gottesdienst, keine Körperwärme, keine Luftbewegung. Die Temperatur fiel dramatisch ab, die Luftfeuchtigkeit schwankte unkontrolliert, und niemand war da, um das zu bemerken oder gegenzusteuern. Dann kamen die Sommer 2022 und 2023, trocken und heiß auf eine Art, die London so nicht kannte. Das Holz der Orgel, fast 150 Jahre alt, arbeitete unter diesen Bedingungen. Es zog sich zusammen, dehnte sich aus.

Im Swell-Bereich riss die Windlade. Das ist das Brett, das die einzelnen Pfeifenreihen voneinander trennt und ihren Luftstrom reguliert. Sobald sie gerissen ist, verliert der betroffene Bereich seinen Druck, Pfeifen klingen falsch oder gar nicht mehr. Dieser Teil der Orgel war von einem Tag auf den anderen nicht mehr spielbar.

Harrison & Harrison aus Durham, die Orgelbauer, die das Instrument schon 2012 bis 2013 vollständig restauriert hatten, führten im September 2022 zunächst Notfallreparaturen durch. Aber das war ein Pflaster. Die eigentliche Lösung bedeutete: Den gerissenen Teil ausbauen, nach Durham transportieren, in der Werkstatt behandeln und wieder einsetzen. Kosten: 130.000 Pfund.

Die Union Chapel startete einen Spendenaufruf, stellte Förderanträge, pausierte das gesamte Orgelprogramm. Was in dieser Zeit fehlte, war schwerer zu beziffern als die Reparaturkosten. Das Organ Reframed Festival, das Singer seit 2016 aufgebaut hatte und das inzwischen international wahrgenommen wurde, musste aussetzen. Die wöchentlichen Orgelstunden für Schulkinder liefen eingeschränkt weiter, aber das große Programm stand still.

Über 70.000 Pfund kamen bis Ende 2024 zusammen. Im Januar 2025 wurde der beschädigte Bereich schließlich ausgebaut und nach Durham geschickt. Im August 2025 kam er zurück. Zusätzlich wurde ein Luftbefeuchter installiert, der künftige Klimaschwankungen abpuffern soll.

Der Klimawandel hat hier keine dramatischen Gesten gemacht. Er hat einfach das Holz zum Arbeiten gebracht, bis es nachgab. Das reichte.

Reparatur der Orgel


V. Claire M. Singer, oder: Wie man eine Orgel mit Essstäbchen neu erfindet

Ich habe in Staffel 3, Folge 19 von Zimmerlautstärke ausführlich über Claire M. Singer gesprochen, und ich merke beim Schreiben dieses Artikels, dass ich trotzdem nicht fertig bin mit dem Thema. Das passiert selten.

Singer wird 1983 in Inverness geboren, wächst in Kinmuck und später in Oldmeldrum in Aberdeenshire auf. Eine Gegend, in der die Landschaft nicht dekorativ ist, sondern präsent, fast drängend. Als Kind lernt sie Cello mit sechs, Klavier mit zehn. Was sie dabei nicht lernt: Etüden zu spielen wie vorgeschrieben. Sie erfindet lieber eigene Melodien, improvisiert, verweigert still die Idee, dass ein Instrument ein Werkzeug für fremde Noten ist. Später spielt sie in Bands, Keyboard, Cello, Akkordeon, quer durch alles was klingt.

Es gibt eine andere Prägung aus dieser Zeit, die in ihrer Biografie fast beiläufig auftaucht, bei mir aber hängengeblieben ist. Als Kind nimmt sie Highland-Dance-Stunden. Beim Highland Dance ist Dudelsack, und beim Dudelsack sind Drones. Borduntöne. Die Bordunpfeifen auf der Schulter des Spielers erzeugen einen konstanten, sich nie verändernden Grundton, während die Melodiepfeife darüber läuft. Alles reibt sich an diesem Ton. Spannungen entstehen nicht durch Bewegung, sondern durch Beharrlichkeit. Singer beschreibt, wie diese frühen Hörerfahrungen ihr Gehör nachhaltig geprägt haben. Wer ihre Musik kennt, glaubt ihr das sofort.

In den 2000ern zieht sie nach London, studiert Studio Composition am Goldsmiths College. Sie arbeitet mit Multi-Track-Recording, schichtet Klangtexturen, sucht nach dem Punkt, an dem Elektronik und Akustik nicht mehr unterscheidbar sind. Eine Brücke zwischen experimenteller Musik, Elektronik und dem, was manche klassische Zeitgenossenschaft nennen würden, obwohl das als Begriff ungefähr so präzise ist wie "neuere Musik."

2006 kommt der Auftrag, der alles verändert, und an dem Singer selbst zweifelt, als er ankommt. Das SOUND Festival in Aberdeen bittet sie, ein Stück für die Orgel der King's College Chapel zu schreiben. Singer denkt zunächst, man habe die falsche Komponistin kontaktiert. Sie ist keine Organistin. Sie schreibt keine Kirchenmusik. Dann sitzt Singer das erste Mal davor. Und erkennt etwas, das klassisch ausgebildeten Organisten vielleicht weniger auffällt, weil es selbstverständlich geworden ist: dass die Orgel das elektronische Studio als akustisches Objekt in bestimmten Dimensionen schlicht übertrifft. Tausende Pfeifen, dutzende Register, ein Raum, der mitschwingt. Kein historisches Relikt, sondern ein Synthesizer aus Holz und Metall, der fünf Jahrhunderte Entwicklung in sich trägt.

Kurze Zeit danach wird die Henry Willis-Orgel der Union Chapel zur Restaurierung nach Durham geschickt. Die Chapel sucht jemanden, der danach nicht nur klassische Orgelmusik spielt, sondern das Instrument für neue Publika öffnet. Singer bekommt den Schlüssel zur Chapel.

Was folgt, sind Nächte allein mit dem Instrument. Singer hat nie eine einzige Orgelstunde genommen. Sie lernt das Spielen so, wie sie alles gelernt hat: durch Experiment, durch Irrtum, durch die Frage, was passiert, wenn man diesen Knopf zieht oder jene Taste hält und gleichzeitig etwas anderes tut. Sie entwickelt eine Technik, die so eigentümlich ist, dass ich beim Beschreiben unweigerlich grinse: Sie benutzt Essstäbchen, um Tasten festzuhalten. Die Töne liegen, die Hände sind frei für die Register. Der Drone bleibt, die Melodie wandert. Durch extrem langsames Ziehen der Register kontrolliert sie den Luftstrom in die Pfeifen, nicht als Schaltvorgang, sondern als kontinuierliche Bewegung. Mikrotöne entstehen, Reibungen, Klänge, die zwischen zwei Noten liegen und genau deshalb nicht loslassen. Ihre Musik klingt oft wie sorgfältig produzierte Elektronik. Sie ist zu hundert Prozent akustisch, häufig in einem einzigen Take aufgenommen, ohne Overdubs.

Claire M. Singer

2016 erscheint ihr erstes Album, Solas, Gälisch für "Licht", auf Touch Records. Im gleichen Jahr gründet sie Organ Reframed, ein Festival in der Union Chapel, das einzige seiner Art im UK. Das Konzept ist so simpel wie radikal: Künstlerinnen und Künstler aus völlig anderen Genres bekommen Zugang zur Willis-Orgel und schreiben für sie. Hildur Guðnadóttir, die kurz darauf für Joker und Chernobyl Oscars und Emmys einsammeln wird, ist dabei. Die Slowcore-Band Low. Chris Watson, Gründungsmitglied von Cabaret Voltaire. Für das Festival wurde die Orgel sogar MIDI-fähig gemacht, Künstler steuern sie über Laptops und iPads an. Eine Orgel aus dem Jahr 1877 als MIDI-Controller. Kurz innehalten.

Das Festival reist nach Amsterdam und Moskau, das gleichnamige Label veröffentlicht die Auftragswerke als Alben. Éliane Radigue, eine der einflussreichsten Komponistinnen der Dronemusik überhaupt, liefert das erste Release. Organ Reframed ist inzwischen Teil eines internationalen Netzwerks experimenteller Orgelfestivals, neben Initiativen in Berlin, Oslo, Vancouver, Venedig und Kopenhagen.

Singers Diskografie wächst weiter. Fairge und Trian 2019, Saor 2023, Gälisch für "Frei", inspiriert von Rückkehrreisen in die Cairngorms, die schottischen Hochlandberge, in denen sie aufgewachsen ist. Am 7. November 2025 erscheint Gleann Ciùin, diesmal mit dem London Contemporary Orchestra. In unserer Podcast-Folge haben wir gemeinsam Rionnag a Tuath gehört, Nordstern. Wenn ihr verstehen wollt, was gemeint ist, wenn ich sage, dass ihre Musik elektronisch klingt und es nicht ist: fangt dort an.


VI. Was auf dem Spiel steht

Im September 2025 spielte also wieder eine vollständige Orgel in der Union Chapel. Über 300 Menschen kamen an einem Samstag, um das Gebäude zu erkunden, Touren mitzumachen, durch den versteckten Orgelkorridor hinter der Bühne zu laufen, einen Gang, den die meisten Konzertbesucher ihr Leben lang nicht sehen. Und mittags spielten Schüler des kostenlosen Orgelprogramms der Chapel ihr erstes vollständiges Konzert seit der Reparatur, unter Leitung des Konzertorganisten Jeremiah Stephenson.

Das ist ein Happy End. Aber es ist auch eine Frage.

Die Reparaturkosten von 130.000 Pfund wurden über Spendenaktionen, Förderanträge und öffentliche Aufrufe zusammengetragen. Keine staatliche Regelförderung für den laufenden Betrieb, kein gesichertes Budget für die nächste Klimakatastrophe, denn dass der nächste Extremsommer kommt, ist keine Spekulation mehr. Ein Luftbefeuchter wurde installiert. Das hilft. Es löst nichts strukturell.

Es gibt eine Art von Kulturerbe, die große Institutionen verwalten: gesichert, finanziert, geschützt. Und es gibt eine andere Art, die von einzelnen Menschen am Leben gehalten wird, die dafür nachts allein in Kirchenräumen sitzen, Schlüssel von Freiwilligen entgegennehmen und Essstäbchen in Tastaturen klemmen. Die Orgel der Union Chapel gehört zur zweiten Kategorie. Das ist ihre Stärke und ihre Gefährdung gleichzeitig.

Union Chapel

Claire Singer ist seit 2012 Music Director der Orgel. Sie hat in dieser Zeit ein Festival gegründet, ein Label aufgebaut, ein internationales Netzwerk geknüpft und mehrere Alben veröffentlicht, die zeigen, was möglich ist, wenn man ein historisches Instrument nicht konserviert, sondern bewohnt. Das ist kein kuratorischer Akt. Das ist eine Entscheidung, mit dem Instrument zu leben, was auch bedeutet: mit ihm zu zittern, wenn es kracht.

Am Ende ist die Orgel der Union Chapel vielleicht das genaueste Porträt dessen, was Kultur bedeutet, wenn sie nicht verwaltet, sondern gelebt wird. Ein Instrument, das niemand sehen soll. Ein Raum, der sich selbst trägt. Eine Musikerin, die nie Unterricht hatte. Und ein Riss im Holz, der uns daran erinnert, dass nichts von alledem selbstverständlich ist.

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